Bosniaken in Hamburg

Jährlich werden wir im Sommer durch die Nachrichten an das Massaker von Srebrenica erinnert. Doch welche Bedeutung hat Srebrenica 20 Jahre später für bosnische Muslime in Deutschland? Ein Besuch im islamischen Kulturzentrum der Bosniaken in Hamburg-Horn.

Bis auf vereinzelt herumturnende Kinder sitzt alles still und lauscht dem Gesang von Azra Bozalija. Die junge Frau trägt sichtlich bewegt ein bosnisches Lied vor. Die rund 200 Männer und Frauen sitzen auf dem Teppichboden des Gebetsraums, blicken ins Leere oder auf den Boden. Einige lassen ihre Gebetsketten durch die Hände streichen. Hier und da fließen Tränen. Vor allem die älteren Frauen wischen sich immer wieder die Augen. Auch Azras Augen sind feucht, nachdem sie fertig ist: "Es ist mir sehr schwer gefallen, weil ich selbst Mutter bin. Und in diesem Lied geht es um die Mütter von Srebrenica, die ihre Söhne oder ihre Männer verloren haben, um deren Traurigkeit, deren Tränen. Und das habe ich auch gesungen: 'Ich verbiete mir heute zu lachen. Heute widme ich den Tag den Müttern von Srebrenica'."

Die Mitglieder der bosniakischen Gemeinde in Hamburg-Horn sind heute zum Gebet zusammengekommen, um der Männer und Jugendlichen zu gedenken, die vor 20 Jahren in Srebrenica ermordet wurden. In dieser Stadt im Osten von Bosnien und Herzegowina wurden im Juli 1995 mehr als 8000 bosniakische Männer und Jugendliche auf Befehl des serbischen Generals Ratko Mladić ermordet.

Sinnbild für das Ausmaß der Unmenschlichkeit des Krieges
Bis heute steht Srebrenica als Sinnbild für die Kriegsverbrechen und das Ausmaß der Unmenschlichkeit, die den Krieg um den zerfallenden Vielvölkerstaat Jugoslawien gekennzeichnet haben. Es ist auch Sinnbild für das Versagen der internationalen Gemeinschaft einen Völkermord zu verhindern, der sich mitten in Europa unter den Augen der Öffentlichkeit abgespielt hat. Für die Bosniaken steht Srebrenica zudem stellvertretend für die Kriegsverbrechen, die auch in vielen anderen Orten an bosnischen Muslimen begangen wurden. So auch in Foca, der Heimatstadt des Imams der Gemeinde, Halim Alibasic. Auch er ist sichtlich bewegt, sucht nach Worten: "Nach 20 Jahren fühle ich noch immer eine große Schwierigkeit in meinem Herz. Ich bin zwar in Hamburg, in Deutschland, aber mein Herz, meine Gedanken, die sind immer in Bosnien, besonders in Srebrenica und Foca."

Alibasic hat Anfang der Neunziger selbst in Foca im Krieg gekämpft. 1997 kam er schließlich als Imam in die bosniakische Gemeinde Hamburg, die seit 22 Jahren besteht. Bosniake ist eine ethnische Bezeichnung. Sie wurde 1994 in die Verfassung von Bosnien-Herzegowina aufgenommen und benennt die bosnischen Muslime als eines der drei Staatsvölker neben orthodoxen Serben und katholischen Kroaten.

Enge Verbindungen nach Sarajevo


©dpa/lbn Fotograf: Hannibal

Es sei vor allem der hohe Grad an institutioneller Organisation, die den bosnischen Islam auszeichne, sagt die Islamwissenschaftlerin Armina Omerika.

In Hamburg leben etwa 1.600 bosniakische Familien. Viele von ihnen kamen bereits in den 60er-Jahren durch die Gastarbeiterabkommen mit dem damaligen jugoslawischen Staat. Der Zuwachs in den Gemeinden durch Kriegsflüchtlinge Anfang der Neunziger forderte eine neue Organisation. So entstand der Dachverband der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland, über den die lokalen Gemeinden auch engen Kontakt zur religiösen Autorität nach Sarajevo halten. "Von dort kommen Vorgaben, wie man die religiöse Praxis auszuführen hat und auch die religiösen Rituale. In den meisten Fällen ist es auch so, dass die bosnischen Gemeinden sich hier ihre Imame selber aussuchen, da werden also Stellen ausgeschrieben, Leute bewerben sich und die Gemeinde sucht sich jemanden aus. Aber um hier praktizieren zu können, braucht der jeweilige Imam trotzdem eine Tätigkeitserlaubnis aus Sarajevo“, erklärt Armina Omerika.

Eine Tradition des friedlichen Nebeneinanders

Geboren in Mühlheim an der Ruhr, aufgewachsen in der bosnischen Stadt Mostar, studierte sie in Deutschland Islamwissenschaften. 2009 promovierte sie über die Geschichte des Islam in Bosnien-Herzegowina und lehrt mittlerweile am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Universität Frankfurt am Main. Es sei vor allem der hohe Grad an institutioneller Organisation, die den bosnischen Islam auszeichne, sagt sie. Ebenso wie die mehr als 100 Jahre alte religiöse Praxis in einem europäisch geprägten, weltlichen Umfeld: "Diese Erfahrung des Miteinanders, die wird jetzt etwas überschattet, vor allem durch die Kriege des 20. Jahrhunderts, aber wenn man etwas mehr in die Vergangenheit zurückblickt, sieht man, dass man nichtsdestotrotz eine islamische Tradition entwickelt hat, die zumindest in einem friedlichen Nebeneinander zu anderen religiösen Traditionen stand, und umgekehrt natürlich auch." 

Oft wird der "bosnische Islam“ von Wissenschaftlern, aber auch Politikern, oder Bosniaken selbst deshalb gerne als moderner, vorbildhafter Islam hervorgehoben. Omerika findet das problematisch, weil "diese qualitative Zuschreibung darauf hinausläuft, dass man irgendwie sagt: Ok, wir haben hier einen europäischen Islam, und der ist viel besser als die anderen nicht-europäischen islamischen Traditionen. Dahinter steckt natürlich eine sehr gefährliche Form des Eurozentrismus.“ Meliha Besic sieht das ähnlich. Die 23-jährige Bosniakin studiert in Hamburg Deutsch und Geschichte auf Lehramt im 6. Semester. Sie wünscht sich einen offeneren Blick auf Muslime im Allgemeinen: "Es gibt ja jetzt nicht nur bosnische europäische Muslime, sondern eben auch viele Deutsche, oder eben auch ganz viele Immigranten, Syrer, die hier herkommen, und wenn man mal in die Zukunft blickt, werden die ja auch irgendwann ein Teil der deutschen Gesellschaft sein."

von Stefanie Groth

Stand: 06.08.2015 16:00 Uhr - Lesezeit: ca.5 Min.
Quelle: https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/freitagsforum/Bosniaken-in-Hamburg,freitagsforum192.html